Kurzer historischer Abriß der Johannisloge „Zum Pilgrim”, Berlin

Das 18. Jahrhundert gilt als Jahrhundert der Aufklärung: Abkehr von blinder Autoritätshörigkeit, vernunftorientierte Sicht- und Verhaltensweisen bestimmten das geistige Klima, freie, selbständig und verantwortungsvoll handelnde Menschen, Forscher, Dichter und Denker in allen Geistesdisziplinen prägten den Geist dieser Zeit. Beispielhaft für die Geisteshaltung der Aufklärung stehen Friedrich der Große, Kant, Goethe, Schiller, Lessing, die Brüder v. Humbold, aber auch Haydn und Mozart, um nur die Bedeutendsten zu nennen.

In diese Zeit fiel auch die Gründung der ersten europäischen Logen, in denen sich ‚freie Männer von gutem Ruf’ zusammenschlossen, um gemeinsam auf der Basis von Vernunft und Gewissen am ‚Bau der Menschlichkeit’ zu wirken: die der Freimaurerei zugrunde liegende Idee ist die im Begriff des Bauens symbolisierte Gestaltung des einzelnen Menschen und der menschlichen Gesellschaft. 1717 wurde die 1. Großloge in England gegründet. Ein System von Lehr- und Lernstufen entstand - in Anlehnung an die Weitergabe von Kenntnissen und Fertigkeiten der Dombauhütten - in dem Wissen und Erfahrung vermittelt wurde. Diese ‚Maurer’: widmeten sich fortan der ‚geistigen Maurerei’: freie Männer, die sich in Logen trafen, Freimaurer genannt.

1737 fand die erste Logengründung in Deutschland („Absalom zu den drei Nesseln”, Hamburg) statt. Nach verschiedenen organisatorischen Umstrukturierungen und nationalen Eigentümlichkeiten gründete der Generalfeldstabsmedicus Freiherr von Zinnendorf im Jahr 1770 die Große Landesloge der Freimaurer von Deutschland nach schwedischem Vorbild, die als Dachorganisation für die 102 Tochterlogen der GLL in ganz Deutschland nach wie vor Bestand hat.

Die Johannisloge „Zum Pilgrim” war die 51. des Schwedischen Systems, die in Deutschland gegründet wurde, und die 5. Loge in Berlin. Sie konstituierte sich am 1. November 1776 mit der Begründung, daß die bereits existierenden Berliner Logen, Zu den drei goldenen Schlüsseln, „Zum goldenen Schiff”, „Pégase” und „Zur Beständigkeit” „mehrenteils sehr zahlreich waren”.

Der hochwürdige Bruder Friedrich von Castillon aus der Johannisloge „Pégase” beschritt den gesetzmäßig vorgeschriebenen Weg, und gründete gemeinsam mit 8 Brüdern eine neue Loge mit dem schönen, symbolträchtigen Namen „Zum Pilgrim”.

Diese acht Brüder waren die Johannismeister Heinrich Wilhelm Wagner aus der Loge „Zum goldenen Schiff” zu Berlin, Gottlob von Geusau, Friedrich Carl Schoenebeck und Johann Friedrich Wilhelm Zier aus der Loge „Zu den drei goldenen Schlüsseln” zu Berlin, die Johannislehrlinge Johann Daniel Siegfried Friedrich von Leuthen aus der Loge „Zum goldenen Schiff” zu Berlin und Friedrich von Lepell aus der Loge „Zu den drei goldenen Schlüsseln” zu Berlin.

Gegen „Erlegung der gewöhnlichen Gebühren von 18 Dukaten” wurde der Freiheitsbrief ausgefertigt. Damit hätte die Loge „Zum Pilgrim" am 1. November 1776 nach altem Brauch durch den Höchstleuchtenden Landesgroßmeister und seine „BBr. Groß-Offizianten" eingesetzt werden können. „Allein verschiedene Hindernisse nötigten die Loge, den Anfang ihrer Arbeiten noch auszusetzen".

Diese Hindernisse hatten sich aus der Situation der deutschen Freimaurerei ergeben: Der Landesgroßmeister, Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha und Altenburg, hatte sich mit dem Oberhaupt der „Strikten Observanz”, Herzog Ferdinand von Braunschweig, darüber verständigt, alle Streitschriften zwischen den beiden Systemen einzustellen. In der Großloge war jedoch die Stimmung solchen Versöhnungsversuchen nicht gewogen. Herzog Ernst legte daraufhin am 21. Dezember 1776 den Hammer des Landesgroßmeisters nieder.

Sein Nachfolger Br. von der Goltz wurde schon am 29.12.1776 zum neuen Landesgroßmeister gewählt, woran auch einige der Gründer unserer Loge teilnahmen. Damit waren die Hindernisse für die Aufnahme der Arbeiten aus dem Wege geräumt. Br. von der Goltz, bestimmte den 24. Februar 1777 zum Eröffnungstag der Loge und setzte sie selbst nach altem Brauch ein. Dem Stifter, Br. Friedrich von Castillon, wurde das Meisteramt übertragen.

Die Festloge fand im Kaffeehaus des Bruders Corsica am Kupfergraben statt. Die weiteren Arbeiten, beginnend am 1. April 1777, wurden in der Wohnung des Meisters abgehalten. Als im November 1779 der Gastwirt Dacke Mitglied der Pilgerloge wurde, fanden die Arbeiten 10 Jahre lang im „Stadt Paris” in der Brüderstraße 39 statt. Mit den Schwesterlogen bezog auch die Loge „Zum Pilgrim” 1791 das Heim in der Oranienburger Straße.

1806, als Napoleon in die preußischen Lande eindrang und am 27. Oktober auch in Berlin einmarschierte, schlossen sich die Pforten der Tempel. Erst am 27. Januar 1809 konnten sich die Pilgerbrüder wieder versammeln und am 27. Februar ihr 33. Stiftungsfest begehen.

Unter dem Druck der Fremdherrschaft wurden die Logen eine Zufluchtsstätte für alle geistigen und sittlichen Kräfte in Deutschland. König Friedrich Wilhelm II., selbst kein Freimaurer, besetzte die entscheidenden Ämter des Staates mit Vertretern des freimaurerischen Geistes wie Stein, Schön, Hardenberg, Scharnhorst, Boyen und Gneisenau. Sie nahmen das schwierige Werk der Reform des gesamten Staatswesens in Angriff und hatten zu Helfern vorwiegend wiederum Männer aus den Reihen der Freimaurer. Freimaurer wie Schenkendorff, Kleist, Arndt und Rückert riefen zum Kampf für die Freiheit auf. Viele Brüder unserer Loge zogen in den Kampf oder legten aus ihrem Kassenbestand eine reiche Spende auf den „Altar des Vaterlands”. Freimaurer erwiesen sich auch als Schlachtenlenker: Tauentzien, York und Blücher ebenso wie Kleist von Nollendorf, ein Pilgerbruder.

Bestand die Pilgrimbruderschaft zunächst aus Offizieren und höheren Beamten, so änderte sich nun dieses Bild: Kaufleute, Ärzte und Künstler traten der Loge bei, und bald boten die Brüder beruflich das Bild „umfassender Mannigfaltigkeit”. Bekannte Pilgrimbrüder aus dieser Zeit waren der Feldmarschall Graf Kleist von Nollendorf, die Maler Doepler und Kimpfel, der Weinhändler Lutter, Graf Henkel von Donnersmark, der Bankier Senstius und der Apotheker Soltmann.

Zum Stiftungsfest des Jahres 1813, das am 27. Februar gefeiert wurde, schenkte der damalige Schatzmeister unserer Loge, der Br. Krigar, der im profanen Leben Hütteninspektor der königlichen Eisengießerei war, unserer Loge die von unserem Bruder Schadow modellierte Statuette eines Pilgers aus Eisen, fortan eine Zierde des Altars. Sie wurde in den Wirren der Märzrevolution 1848 anläßlich eines Überfalls auf unser Logenhaus gestohlen, tauchte bald darauf aber bei einem Trödler auf und wurde zurückgegeben, ihre Spur verlor sich jedoch in den weiteren Jahren.

Am 28. Januar 1814 ging Br. Friedrich Adolph Maximilian Gustav von Castillon in den ‚ewigen Osten’ ein. Er wurde 66 Jahre alt. Seine Verdienste reichen weit über die Pilgerloge hinaus. Viele Jahre war er der vertraute und tätige Gehilfe des Landesgroßmeisters, des Br. von Zinnendorf, dessen Nachfolge in diesem Amt er 1782 antrat und es bis 1788 und dann noch einmal von 1799 bis zu seinem Tode ausübte. Darüber hinaus folgte er von 1809 an dem Bruder von Geusau in der Führung des Kapitels und als Ordensmeister. Es war ihm vergönnt, die Befreiung des Vaterlandes noch zu erleben.

Sein Nachfolger im Amt des Logenmeisters wurde Br. Friedrich Becherer. 1819 sah dieser sich veranlaßt, da „viele BBr. sich angewöhnt hatten, ohne jede Entschuldigung den Arbeiten fernzubleiben, zu bestimmen, daß die Säumigen im Protokoll eingetragen werden”. Es gab fortan nur noch 2 protokollarische Vermerke.

In seiner Amtszeit ergab sich durch die Gründung von Geheimbünden im Süden Europas auch Gefahr für die Existenz des Freimaurerordens, der ebenfalls verräterischer Aktivitäten bezichtigt wurde. Durch ein mutiges Bekenntnis des Königs Friedrich Wilhelm III. wurde der Orden gerettet. Auf Br. Becherers Vorschlag wurde 1821 beschlossen, daß niemand in der Pilgerloge aufgenommen werden könne, dessen Leumund nicht durch zwei damit beauftragte BBr. „erforscht” wäre.

1824 wurde Br. Johann Nepomuk Rust, ein „General-Chirurgus”, zum Logenmeister gewählt. Mit ihm kamen viele Mediziner in unsere Loge, doch sie verließen sie größtenteils auch wieder, als er am 20. Februar 1833 nicht nur den Hammer niederlegte, sondern auch den Orden verließ. Er war ein energischer und dennoch beliebter Bruder, dem die Loge „Lebenselement” geworden war. Er verstand die Führung der Loge monarchisch, womit er voraussetzte, daß die Oberen unantastbar wären. Da sich gegen die Annahme eines von ihm geförderten Bruders Widerstand erhob, war sein Autoritätsempfinden stark erschüttert worden.

Am 22. Mai 1840 wurde mit der Erlaubnis seines Vaters, der Prinz von Preußen und spätere Kaiser Wilhelm I. als Bruder in den Orden aufgenommen. Damit gewährte Friedrich Wilhelm III. sämtlichen Logen des preußischen Staates seinen Schutz auch über das Grab hinaus.

Nachdem vormals auch Lehrlinge und Gesellen an der Meisterwahl teilnehmen konnten, wird diese ab 1841 alleiniges Vorrecht der BBr. Meister. Im gleichen Jahr wurde der älteste Sohn des Meisters Rust, der Rechnungsrat Johann Rust, der mit dem Vater die Loge zunächst verlassen hatte, wieder in den Bruderkreis aufgenommen.

Unter Carl Daniel Turte, einem Mediziner mit philosophischer Doktorwürde, der 1833 die Führung der Loge übernahm und ihr 15 Jahre lang vorstand, stieg die Zahl der Mitglieder auf 151. Er allein nahm während seiner Logenführung 146 Suchende als Brüder auf - ein Hinweis auf seine vorzüglichen menschlichen Eigenschaften.

Sein Nachfolger im Amt war ab 1848 Johann Christian Albers, ein Militärarzt, der später Direktor der Berliner Tierarzneischule wurde. Br. Albers berief erstmals einen Rosenthal, nämlich Heinrich Philipp Wilhelm, zu seinem Abgeordneten Meister, der am 8. August 1848 seine erste Logenarbeit absolvierte. Mit ihm beginnt eine wohl in den Logen seltene Reihe herausragender Logenführer in verschiedenen Generationen einer Familie.

Von Meister Albers sind uns Worte überliefert, die offenbar zu allen Zeiten Gültigkeit hatten und haben und deshalb wert sind, zitiert zu werden:

„Die Gegenwart wird von materiellen Interessen beherrscht. Erwerben und genießen, so schnell und eilig, soviel als möglich, das ist das große Losungswort unserer Zeit. Und wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die Erscheinungen, welche dieses Streben in der Gegenwart hervorgerufen haben, in jeder Hinsicht großartig genannt werden müssen, wie sich Erfindung an Erfindung reiht und kein Hindernis dem menschlichen Geist mehr unüberwindlich erscheint, so erwachsen doch daraus zwei schlimme Feinde, die den Geist des Menschen verderben, die Selbstsucht und die Genußsucht. Wer sein Herz ausschließlich dem Gewinn- und Genußbringenden zuwendet, dessen Herz bleibt leer und erkaltet für die reinen und edlen Gefühle. Es ist zwar des Mannes Bestimmung, tätig zu sein und zu schaffen, aber wenn er ermüdet heimkehrt, soll er wieder im häuslichen Kreise des Bewußtseins innewerden, ein Mensch zu sein. Darum ist vor allem der Maurer glücklich zu preisen, der im Bruderkreise Erholung und neue Anregung findet, der Tugenden kennen und üben lernt, die seinem Herzen Bedürfnis sind, und der den Eigennutz und die Selbstsucht verachtet und nicht untergehen will in dem Treiben der Menge, die nur dem Genusse der vergänglichen Güter huldigt”.

Links zu unseren Schwesterlogen:
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